• Unser Salzkammergut

Ein Täschchen voller Perlen

Aktualisiert: 4. Juni 2020

Vor einigen Jahren haben die Gosauer Trachtenfrauen ein uraltes und heute kaum noch ausgeübtes Handwerk für sich entdeckt: die Strickkunst mit Glasperlen. Das Arbeiten mit den filigranen Perlen erfordert äußerste Konzentration und Präzision. UNSER SALZKAMMERGUT hat den Damen dabei über die Schulter geschaut ...



Die Perlenstrickerinnen von Gosau – Schauplatz und Treffpunkt ist das Heimatmuseum im Ort. Ein würdiger Rahmen für ein Fotoshooting. Wir betreten das 400 Jahre alte Bauernhaus, gehen über knarrende Holzböden und bücken uns vor jedem der niedrigen Türstöcke, bevor wir in die gute Stube treten. Die gesellige Runde erwartet uns schon. Fesch herausgeputzt im Dirndl sitzen da unter dem uralten Gebälk der Bauernstube sieben Damen des Trachtenvereins Gosau.

Lustig geht es zu – es wird geplaudert, geschwätzt, gelacht, gezählt, gefädelt und gestrickt. Der eigentliche Grund dieses geselligen Beisammenseins? Die gemeinsame Begeisterung für ein und dieselbe Sache, für eine uralte, fast schon vergessene Handwerkstechnik, das „Perlbeutel-Stricken“, wie es die Damen aus Gosau liebevoll nennen. Alles begann mit einem gemeinsamen Besuch im Handarbeitsmuseum Traunkirchen vor gut 15 Jahren. „Dort wurden wir auf eine ähnliche Technik aufmerksam. Und zwar aufwändig von Hand gestaltete Einbände für Gebetsbücher. Samteinbände mit Glasperlen, kunstvoll bestickt“, erzählt Hanni Schmaranzer, Obfrau des Trachtenvereins, und breitet einige der selbst gefertigten Schätze stolz vor uns auf dem Tisch aus. „Diese Stücke sind das Resultat unseres Museumsbesuches. Hier stecken unzählige Arbeitsstunden drin, denn das Arbeiten mit diesen winzigen Glasperlen erfordert akribische Aufmerksamkeit.“




Obfrau, Hanni Schmaranzer

"Perlenstickerinnen wie uns gibt es heute nur noch wenige."

Gesucht – gefunden!

Es sei gar nicht so leicht gewesen, so die Obfrau, eine Lehrerin zu finden, um diese Technik letztendlich zu erlernen. Eine Weile habe es gedauert, bis eine Leiterin von Goldhauben-Kursen ausfindig gemacht wurde und es zum ersten Treffen kam. „Und eine Weile habe es auch gedauert, bis wir den Dreh raus hatten. Wir fühlten uns wie unbeholfene Schülerinnen im Handarbeitsunterricht“, lacht Schmaranzer. „Doch wir alle waren von Anfang an mit Begeisterung bei der Sache“, erinnert sie sich. Seither treffen sich die Damen – oft sind es bis zu 15 Personen – während der Wintermonate zwei Mal im Monat. „Im Sommer wird pausiert. Denn einige von uns haben dann mit der Landwirtschaft alle Hände voll zu tun. Umso mehr freuen wir uns dann auf den Herbst und die bevorstehenden Wintermonate.“


Perlbeutel voll in Mode.

„Perlenstrickerinnen wie uns gibt es heute nur noch wenige“, meint eine der Gosauerinnen. „Dabei ist die Kunst, aus Glasperlen Schmuckstücke zu fertigen uralt.“ Im ausgehenden Mittelalter war Venedig – und hier vor allem die Insel Murano – bei der Herstellung der kostbaren, lichtsprühenden Glaskügelchen federführend. Christliche Schaubilder und Motive aus Perlen waren vor allem in Mitteleuropa äußerst beliebt.

Seit dem 17. Jahrhundert galten die gestrickten Perlbeutel als schickes Accessoire bei Hofe und waren ziemlich „en vogue“. Seither gaben die Perlenstrickerinnen ihr Können von Generation zu Generation weiter. Ein „Revival“ erlebten die kunstvollen Perlbeutel besonders in den 1930er-Jahren. „Heute sind diese schmucken Accessoires nur noch im Trachtenbereich als Beispiel für traditionelles Kunsthandwerk anzutreffen“, weiß die Obfrau des Trachtenvereins.



Die Frauen des Trachtenvereins Gosau

"Wer nie aufgetrennt hat, hat nie gestickt."

Jetzt geht‘s ans „Fadeln!“

Entsprechend der Vorlage werden die winzigen Perlen mittels einer langen Fassnadel auf das Garn gefädelt und die fertigen Perlschnüre auf Karton gewickelt. „Die Schwierigkeit dabei ist das gewissenhafte Zählen der feinen Perlen mit nur zwei Millimeter Durchmesser“, schildert die Gosauerin. „Eine zusätzliche Herausforderung ist es dann, wenn das gewählte Muster zwei oder mehrere Farben beinhaltet.“ Das Auffädeln bedarf also höchster Konzentration und Gewissenhaftigkeit. Unstimmigkeiten und Fehler, die hier entstehen, ließen sich während des Strickens kaum ohne größere Eingriffe korrigieren. „Doch wie heißt es so schön: Wer nie aufgetrennt hat, hat auch nie gestrickt!“, wirft eine aus der Runde ein und alle nicken. Sieht man den Damen beim Perlenstricken zu, ist es erstaunlich, wieviel Geduld und Fingerspitzengefühl hier aufgebracht wird. Bedenkt man, dass eine gestrickte Reihe bei einem Trachtenbeutel 180 kleiner Perlen bedarf, bekommt man größten Respekt vor dem vollendeten Täschchen. Eine der Damen rechnet kurz nach und kommt dann auf stattliche 20.000 Perlen pro Beutel! Weniger genau lassen sich die Stunden zählen, die hierfür gearbeitet wird. „Unzählige sind es auf alle Fälle, gezählt habe ich sie noch nie,“ meint eine der Gosauerinnen.


Ein Perlbeutel für die Ewigkeit. Während des Einstrickens der Perlen entsteht das Muster – es wird gerne nach alten Vorlagen und Designs gewählt: prachtvolle Blumenornamente und springende Hirsche zum Beispiel. Ist das Muster abgestrickt, wird der „Spitz“ – die Unterseite des Beutels Masche für Masche gefertigt. Zur Endfertigung eines jeden Beutels gehören eine nicht weniger filigran gehäkelte Borte, kleine Quasten sowie das Innenfutter. „Hierfür verwenden wir ausschließlich Leder. Wenn wir schon so lange an einem Stück sitzen und arbeiten, soll das auch ein Leben lang halten“, betont Frau Schmaranzer. Früher wurden diese Schätze dann von einer Generation an die nächste weitergegeben. Aber nicht nur Frauen besaßen gestrickte Perlbeutel: „Männer nutzten dieses Accessoire anno dazumal zum Aufbewahren von Tabak“, wissen die Frauen aus der Strickrunde. „Die Beutel waren innen mit einer Schweinsblase gefüttert und die Glasperlen wurden auf Rosshaare aufgefädelt.“ Viel Zeit wird auch ins Recherchieren der besten Bezugsquellen von Glasperlen gesteckt. „Immerhin gibt es große Unterschiede in der Qualität“, erläutert Schmaranzer. Die Perlen werden zumeist in der Tschechei besorgt. „Da gibt es wirklich die schönsten Exemplare“, sind sich alle einig.



Für manche der Perlen müssen die Damen allerdings monatelange Lieferzeiten in Kauf nehmen. Um der Qualität willen werden bei den Ansprüchen eben keine Abstriche gemacht. „Aber die wichtigste Voraussetzung für das Perlenstricken ist ohnehin die Geduld. Bei manchen Stücken wird diese Geduld und die Ausdauer schon auf eine harte Probe gestellt. Doch meistens werden diese Perlbeutel dann auch die schönsten“, so eine der Gosauer Strickerinnen.

Jedem Kittel sein Beutel. Was den Damen beim Stricken der Beutel besonders wichtig ist? „Dass das jeweilige Stück auch zur Gosauer Tracht passt!“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Das Ziel der Strickerinnen sei es nämlich auch, für jeden Dirndlkittel aus der Runde den passenden Beutel zu fertigen. Wie viele Dirndl denn das seien? Die Damen überlegen kurz und kommen dann auf fünf bis sieben Dirndln pro Kopf und Nase. Und das Ziel, einen passenden Beutel zu jeder Tracht zu fertigen – da sind sich alle einig, sei noch lange nicht erreicht ...



Lassen Sie sich inspirieren!

Mehr Geschichten über die Tradition und das Handwerk in unserer schönen Region finden Sie in unserem Magazin. 

Text: Zivana de Kozierowski Fotos: Monika Löff


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