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  • Unser Salzkammergut

Die Schachtel mit den Glaskugeln

Eine Weihnachtsgeschichte von Sigrid Obermair


(c) Thom Trauner


Am Tag vor dem 24. Dezember gehe ich von der alten Diele die Treppe hinauf zum Speicher.

Das Holz ist alt und knarrt unter meinen Füßen, der Handlauf, rund und abgegriffen, scheint, als hätte eine mir bekannte Hand ihn gerade berührt. Stufe um Stufe erstehen Bilder meiner Kindheit, wie ich jedes Jahr am Tag vor Weihnachten an der Hand meiner Mutter zur Kammer unter dem Dach hochsteige. Wieder bin ich das Kind, aufgeregt und in unbändiger Vorfreude stehe ich vor der Luke zum Dach. Zwei Mal dreht der Schlüssel im Schloss, bis die niedrige Tür nach innen öffnet.

Ein Geruch von Moder schlägt mir entgegen, abgestandene, schwere Luft.

Der niedrige, gedrückte Raum liegt im Dunkeln, Staub tanzt im wenigen Licht, das schräg durch die kleinen Dachfenster fällt. In den Mauerritzen heult leise der Wind, das alte Dachgebälk knarrt und ächzt. Sonst ist es still.

Wahllos liegen Gegenstände in den Ecken, die von einem Leben zeugen, das längst vergangen ist und das in dieser Kammer unter dem Dach wie konserviert scheint. Wie das ruhende Pendel der alten Standuhr, die in einer Nische lehnt, so ist das Fortschreiten der Zeit aufgehoben.

Eine feine Staubschicht bedeckt die hölzerne Truhe. Ihre bunte Bemalung ist verblasst, die verschnörkelten Initialen meines Großvaters sind nur noch schwer lesbar. Ich drehe den großen, langen Schlüssel aus Eisen bis zum Anschlag, der Deckel ist schwer, ich muss ihn aufstemmen.

In tiefen Fächern liegen wohlgeordnet große und kleine Behälter aus Karton, Beschriftungen verweisen auf die unterschiedlichen Inhalte. Auf einer hohen rechteckigen Schachtel sind rote Kerzen und grüne Tannenzweige gedruckt, in schöner alter Handschrift steht auf ihr Weihnachten. Behutsam nehme ich sie an mich, schließe die Truhe und steige wieder hinunter in die Stube.

Das Feuer im Kamin ist erloschen, der Raum liegt in der einfallenden Dämmerung.

Nur die Flammen der vier roten Kerzen am Kranz, der in langen roten Bändern von der Decke hängt, erhellen das Zimmer. Lichtschatten flackern. Im Raum liegt der Duft von Wachs und grünem Tann.

Um die Schachtel verknotet ist eine grüne, gedrehte Kordel. Ich löse sie und hebe den Deckel.

In kleinen Fächern aus braunem Karton liegt, wie in einem Setzkasten, funkelnd und glitzernd der alte Glasschmuck: goldfarbene Nüsse, silberne Glocken, Tannenzapfen mit weiß verziertem Schnee, pausbäckige Engel, bunte Sterne mit spitzen Zacken, eine Mandoline in verblichenem Braun, die silberne Kapelle mit den bunten Fenstern, der Vogel mit weißem Federschweif. Auf einer einzelnen Schachtel steht in großen Buchstaben Kugeln – Glas – Vorsicht! und die Jahreszahl 1952. Die Handschrift meines Vaters.

Einzeln in weißem Seidenpapier verpackt liegt jede Kugel auf einem Stoff aus rotem Samt. Ich wickle sie eine nach der anderen aus. Kugeln aus dünnem, silbernem Glas, bemalt mit grünen Zweigen und rosa Glocken, liegen vor mir auf dem Tisch. An vielen Stellen blättert die Silberschicht, Rost hat sich an den feinen Aufhängdrähten gebildet, Reste von weißem und rotem Wachs zeugen von vergangenen Weihnachten. Die Kugeln – du kauftest sie damals für diese junge Frau und für euer erstes gemeinsames Weihnachten. Das auch euer letztes war.

Draußen auf dem Feld gehen die Lichter an, auf Tannenbäumen und in Fenstern, strahlen in das Dunkel des nachtblauen, weiten Himmels.

Der Tannenbaum steht im Holzkreuz auf dem Tisch mit dem bestickten Leinenwurf.

Kugel für Kugel hänge ich in die Zweige und stecke weiße Kerzen in die silbernen Halter.

Bilder von vergangenen Weihnachtsfesten reihen sich aneinander zu einer Kette aus glücklichen, frohen Tagen. Und werden in all dem Gewesenen vor meiner Zeit und meinen Erinnerungen ein einziges immerwährendes Weihnachtslicht.



© Sabine Holzner


Mag. Sigrid Obermair

Selbstständige Trainerin und Coach, lebt abwechselnd im Salzkammergut, in Wien und Italien. Im Juni 2022 ist ihr Lyrikband „Lungomare. Gedichte vom Süden“ im Omnino Verlag, Berlin, erschienen.


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